Wie viel Schönheit braucht der Mensch

Was bedeutet ›Schönheit‹? Was finden wir ›schön‹ und warum? Was vermag Schönheit? Oder: Was vermag sie nicht? Das Mozartfest hat Künstler:innen und Mitwirkende der Saison 2026 gefragt und persönliche Antworten erhalten.

Eine Formel zur Berechnung der optimalen Schönheitsdosis muss erst noch gefunden werden – doch vielleicht sollten wir zunächst die Frage stellen, in welcher Welt wir leben wollen. Schönheit regiert nicht die Welt, und doch hat sie die Kraft, unseren Blick auf sie zu verändern und uns für das, was uns umgibt, zu sensibilisieren. Schönheit ist weit mehr als ästhetischer Genuss: Sie ist Ausdruck unserer Werte und zeigt, wofür wir stehen. Sie offenbart sich in der Musik, wenn Klänge uns berühren, Staunen ermöglichen und Gedanken in Bewegung setzen. Für mich persönlich zeigt sich Schönheit in den Momenten, in denen wir das Leben wirklich spüren: wenn wir innehalten, uns bewusstwerden, wer wir einmal waren und wer wir heute sind – und dann zu träumen beginnen.

Leonie Klein | Artiste d’avenir | Schlagzeugerin, Konzertgestalterin, Journalistin 02.06. | Bürgerbräu | Drum Quotes 04.06. | Vogel Convention Center | Alles tanzt 25./26.06. | Bürgerbräu | Freispiel 30.05.–27.06. | M PopUp // Studio für Schönheit

Das moderne Leben ist oft ein Dickicht aus Bildschirmen und Terminplänen, das Distanz untereinander schafft. Mozarts Musik erfordert eine andere Art der Aufmerksamkeit, eine, die alle Anwesenden in genau denselben Moment hineinzieht. Die Streichquartette etwa, die wir von ihm interpretieren, sind für uns wie eine Brücke – eine Möglichkeit, den Alltagstrubel hinter uns zu lassen und eine Stunde lang ganz bei den Menschen um uns herum zu sein. In dieser gemeinsamen Stille bietet die Musik etwas Einfaches, aber Tiefgründiges: eine stille Erinnerung an unsere Verbundenheit. Es ist eine schöne Art zu zeigen, dass wir trotz der unaufhörlichen Ablenkungen hier und jetzt immer noch als Menschen zusammen sein können.

Fibonacci Quartet 18.06. | Mozartareal

Schönheit ist ein Lebenselixier – ein Grundnahrungsmittel für die Seele, ohne das sie weder wachsen noch erblühen kann. Sie ist ein Gruß des Göttlichen, der uns daran erinnert, was ein sinnerfülltes Leben ist. Nicht ohne Grund sagte der Philosoph Platon: Wer sich mit dem Schönen und Göttlichen beschäftigt wird selbst schön und göttlich.

Dr. Christoph Quarch | Philosoph | 13.–16.06. Himmelspforten | MozartLabor

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Marc Aurel schreibt in seinen Selbstbetrachtungen: »Es gibt fast nichts, was ein feinsinniger Mensch mit einem klaren Verständnis für die tieferen Ebenen des Universums nicht schön finden könnte, auch wenn es sich nur um zufällige Dinge handeln mag. Er wird sich an dem aufgesperrten Maul eines wilden Tieres ebenso erfreuen wie an dessen Darstellung durch Maler oder Bildhauer.« Wenn viele Menschen dies nicht tun, dann nur deshalb, weil man sie weder im Sehen noch im Hören erzogen hat.

Reinhard Goebel | Dirigent | 06.06. Residenz Kaisersaal | WDR Sinfonieorchester

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Schönheit liegt oft im Detail. Ein Blick, ein Lächeln, ein Wort eines Menschen – genauso wie eine einzelne Phrase eines Liedes – vermögen uns tief zu berühren und uns einen kostbaren Moment zu schenken. Je mehr wir solche Augenblicke sammeln, desto erfüllter werden wir. Und vielleicht liegt genau darin unsere Kraft: dem Bösen, das derzeit in der Welt zutage tritt, mit Achtsamkeit, Menschlichkeit und Schönheit zu begegnen.

Ethel Merhaut | Sängerin | 28.06. Theaterfabrik Blaue Hallo | Jupiternacht: Sächsische Bläserphilharmonie

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Dr. Christoph Quarch | Philosoph
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Reinhard Goebel | Dirigent
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Ethel Merhaut | Sängerin
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Schönheit ist ein abstrakter Begriff, denn nicht für jeden ist Schönes gleich schön. Wenn ich jedoch etwas als ›schön‹ empfinde, dann aus dem Grund, dass es mich auf irgendeine Weise angenehm berührt – weil dadurch meine eigene Menschlichkeit ins Schwingen gerät. Ich sehe das Wort ›Schönheit‹ daher eher als einen Platzhalter für ein ernsthaftes Sich-Auseinandersetzen mit den Mechanismen des Menschseins, völlig unabhängig von absoluten Kategorien, die etwas als ›schön‹ oder ›hässlich‹ einordnen. Schönheit – vor allem in der Kunst – braucht Zeit und Hingabe. Und das ist vielleicht die größte Gefahr unseres schnelllebigen Zeitalters. Nicht, weil wir irgendwann keine Schönheit mehr empfinden könnten. Sondern weil wir uns keine Zeit mehr dafür nehmen. Und weil wir die Deutungshoheit über das von uns persönlich als ›schön‹ Empfundene den Maschinen überlassen, die unseren Alltag steuern. Florian Willeitner | Geiger und Komponist 10.06. | Gut Wöllried | vision string quartet 14.06. | Residenz Weißer Saal | The Art of Sonata

In einer Welt, die von Unsicherheiten, Schwierigkeiten, Chaos und Schmerz geprägt ist, ist Schönheit in all ihren verschiedenen Formen kein Luxus, sondern ein mächtiges Werkzeug: um unserem Leben und dem Leben anderer einen Sinn zu geben. So wie Musiker:innen in allen Aspekten ihres Spiels – Klang, Phrasierung, Artikulation oder Ausdruck – beständig nach Schönheit streben, können wir auch im Alltag lernen, Schönheit in den kleinsten Dingen des Lebens zu entdecken. Das wird seine Wirkung auch im Großen entfalten und letztlich die Welt zu einem besseren Ort machen.

Anneleen Lenaerts | Harfenistin 23.06. | Residenz Kaisersaal Festival Strings Lucerne

In Zeiten, die laut, brüchig und überfordernd wirken, wächst die Sehnsucht nach Schönheit. Nicht als Luxus, sondern als etwas Existenzielles. Schönheit ist kein Eskapismus. Sie ist eine Form von Sinn. Besonders spürbar wird das im gemeinsamen Erleben von Musik. Schönheit zeigt sich hier nicht als Effekt, sondern als Beziehung. Schönheit ermöglicht es, auch schwierige oder sperrige Inhalte zugänglich zu machen, ohne sie zu vereinfachen. Sie schafft einen Zugang, der berührt, bevor er erklärt. Schönheit verändert die Welt nicht. Sie verhindert keine Krisen. Aber sie hält etwas offen: unsere Wahrnehmung, unsere Empfindsamkeit, unsere Fähigkeit, verbunden zu bleiben. Und vielleicht brauchen wir genau das gerade besonders.

Youkalí 23.06. | Shalom Europa Seiltänzerin ohne Netz: Mascha Kaléko

Es gibt die Schönheit auf den ersten Blick. Aber es gibt auch eine andere, die mir noch mehr zusagt: Die Schönheit, die man als Eltern in seinen Kindern sieht. Als Liebender in seinem Gegenüber. Als Wandernder auf seinem Lieblingsspaziergang. Die Schönheit, die nicht an Konventionen gekoppelt ist, sondern an tiefe Liebe, vielleicht sogar an unendliche Bedürftigkeit. Diese Schönheit finde ich auch in der Musik von Mozart. Und diese Schönheit ist eine der beglückendsten Bestätigungen dafür, dass das Leben lebenswert ist.

Fabian Müller | Pianist und Dirigent 18.06. | Residenz Kaisersaal Trinity Sinfonia

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