ARTISTE ÈTOILE

»Wir müssen das Leben erzählen«

In 13 Konzerten und im MozartLabor begrüßt das Mozartfest Tianwa Yang als Artiste étoile 2026. Im Interview spricht die Geigerin über ihren persönlichen Schönheitsbegriff, Mozart als Idol und die zeitlose Kraft von Musik. Von Ilona Schneider

Ilona Schneider Tianwa, was bedeutet Schönheit für dich?

Tianwa Yang Eine sehr philosophische Frage ... Schönheit ist für mich nicht nur etwas, das anmutig ist. Ob ich einen Menschen, ein Gemälde, ein Buch oder ein Musikstück schön finde, hat für mich immer eine tiefere Ebene. Es geht darum, ob mich etwas auf besondere Art und Weise berührt, inspiriert, innerlich anspricht. Schönheit – egal ob visuell, akustisch oder gedanklich – ist nicht nur Oberfläche. Schön ist für mich etwas, das eine tiefe Bedeutung hat, das etwas in mir bewegt.

Was heißt es in diesem Kontext für dich, Künstlerin zu sein, per se also mit Schönheit umzugehen?

Als Musikerin denke ich oft an einen sehr legendären Satz von Maria Callas. Sinngemäß hat sie gesagt: »Es reicht nicht, nur schön zu singen. Wir müssen das Leben erzählen – und das ist nicht nur schön.« Schon als Jugendliche hat das in mir ein Licht aufgehen lassen. Denn bis dahin hatte ich in der klassischen Ausbildung immer gehört: »Bitte nicht drücken, bitte nicht kratzen, bitte schöne Töne produzieren!« Aber das reicht eben nicht. Musik muss etwas bedeuten. Sie muss das Leben widerspiegeln. Und dazu gehört eben auch eine gewisse Widrigkeit und Spannung. Mir ist wichtig, dass manche Töne nicht einfach nur bewegen, weil man das Gefühl hat, es geht mir das Herz auf. Es kann auch ein gewisser Schmerz sein, von dem ich mich angesprochen und mitgenommen fühle. Auch das ist eine Art von Schönheit für mich, weil man als Mensch wachgemacht wird. Als ­Musikerin sehe ich meine Aufgabe darin, diese Art von umfassender Schönheit zu vermitteln.

Unser diesjähriges Festivalmotto spricht von »beschworener Schönheit« und nennt Mozart ein Idol. Wo würdest du ihn in diesem Zusammenhang verorten?

Mozart ist für mich tatsächlich derjenige, der diesen umfassenden Begriff von Schönheit perfekt verwirklicht. Schönheit, die eben auch berührt. Denn auf der einen Seite ist seine Musik so menschlich, lebens- und volksnah – zum Beispiel in seinen Opern. Gleichzeitig komponiert er fast überirdische, › göttliche Klangschönheit. Diese Verbindung von Menschlichkeit und Göttlichkeit ist einzigartig. Das macht ihn für mich zu einem Idol – einem, zu dem man aufschaut, wissend, dass man ihn nie ganz erreichen kann.

Du spielst bei uns unter anderem ein Mozart-Violinkonzert und das Klarinettenquintett. Was fasziniert dich immer wieder an diesen Werken?

Gerade die Mozart-Konzerte kennt man als Geigerin sehr gut. Trotzdem entdeckt man immer wieder neue Details – kleine Witze, überraschende Wendungen, die man vielleicht gar nicht mehr wahrnimmt. Mozart erfüllt einerseits die klassische Form ideal, tanzt aber gleichzeitig immer wieder aus der Reihe. Dass er Widersprüche vereint, macht seine Faszination aus.

Du wirst beim Mozartfest gemeinsam mit deinem Klavierpartner Nicholas Rimmer an nur zwei Konzertabenden auch alle zehn Beethoven-Violinsonaten aufführen. Warum ist dir dieser Zyklus so wichtig?

Wir Geigerinnen und Geiger sind so gesegnet, diese zehn Sonaten zu haben. Die ersten drei sind noch sehr frühe Werke. Und die letzte, Opus 96, ist zwar kein ganz später ­Beethoven, aber aus einer besonderen Phase seines Schaffens. Diese Sonate ist ein bisschen wie sein Violinkonzert: wie eine Oase, etwas verträumt, ein bisschen fantasievoll, irgendwie friedlich, abgeklärt und sehr inhaltsreich. Aber jede Sonate ist ein Unikat. Sie sind sehr unterschiedlich. Manche sind innerhalb kurzer Zeit oder sogar parallel entstanden und trotzdem so gegensätzlich. Wenn man alle hintereinander spielt, erlebt man diese ­Extreme besonders intensiv.

Du präsentierst auch ein neues Werk, die Jupiter-Etüde von Jörg Widmann. Du hast während der Entstehungszeit gemeinsam mit ihm daran gearbeitet. Wie viel von dir selbst steckt in dem Werk?

Die musikalische Idee stammt klar vom Komponisten, und tatsächlich steckt sehr viel Widmann, aber auch sehr viel Mozart in der Etüde. Ich habe vor allem bei spieltechnischen Fragen mitgearbeitet – bei Klangfarben und Spielweisen, um seine Vorstellungen bestmöglich auf die Geige zu übertragen. Ich freue mich schon sehr auf die Uraufführung.

Mit Werken etwa von Prokofjew, Ysaÿe, Bruch und ­anderen legst du in Würzburg außerdem einen Schwerpunkt auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Was reizt dich an dieser Zeit?

Ich finde diese Zeit mit ihrem aufregenden Clash von Stilen und Strömungen total spannend. Manche Komponisten halten an spätromantischen Schönheitsidealen fest, andere gehen radikal neue Wege. Diese Gleichzeitigkeit fasziniert mich. Als Zuhörerin hätte ich gerne in den 1920er-Jahren ­gelebt – man hätte in jedem Konzert völlig unterschiedliche musikalische Welten erkunden können. Genau diese Spannbreite an verschiedenen Arten, sich durch und über Musik auszudrücken, interessiert mich sehr. Daher war ich unglaublich froh, als ich erfahren habe, dass das diesjährige Festivalmotto »Beschworene Schönheit« als inhaltlichen Kern den Einfluss Mozarts im frühen 20. Jahrhundert trägt.

Spiegelt sich für dich in der Musik dieser Zeit die Suche nach Ordnung angesichts enormer politischer und gesellschaftlicher ­Umbrüche wider?

Ja, in manchen Werken sogar sehr deutlich. In den sechs Violinsonaten op. 27 von Eugène Ysaÿe etwa, die er 1923 komponiert hat: Natürlich spiegeln diese Werke ihre Entstehungszeit schon deshalb, weil Ysaÿe jede Sonate für einen befreundeten Geiger geschrieben hat: einen Kollegen oder Freund mit sehr speziellen Vorstellungen und Gedanken, die sich auch in der Komposition vermitteln. Aber zusätzlich orientiert sich Ysaÿe beispielsweise in der ersten und vierten ­Sonate ­formal auch sehr an Bach. Er sucht förmlich die Ordnung. Und dann wiederum schreibt er plötzlich völlig andere ­Musik: frei, fast wie eine Fantasie. Da löst er Form und Ordnung komplett auf. Das ist musikalisch sehr spannend.

Bach und Ysaÿe sind auch jene beiden Komponisten, die du in der neuen Reihe »Musik zur Mittagszeit« einander direkt gegenüberstellst. Welcher gemeinsame Geist verbindet die beiden für dich?

Ich glaube, das Stärkste, was beide verbindet, ist das Gefühl für Zeit. Wie durch Musik Zeit erspürt wird. Es ist für mich Musik, die das Leben beschreibt. Irgendwie philosophische Musik. Beim Hören spürt man diese tiefe Ebene, man beginnt nachzudenken: nicht mehr in Puls und Minuten, sondern über Grundlegendes – und gerade darin liegt ihre zeitlose Kraft.

Ilona Schneider ist Redakteurin und dramaturgische Mitarbeiterin des Mozartfests Würzburg. Darüber hinaus arbeitet sie als freie Autorin etwa für das Beethovenfest Bonn, die Salzburger Festspiele, ­Konzertreihen in der Alten Oper Frankfurt, der Elb­philharmonie Hamburg, der Berliner Philharmonie u. a. Die Fotos von Tianwa Yang haben Simon Höfele und Elza Loginova als Stipendiat:innen der Sektion ­Künstlerfotografie (Leitung: Marco Borggreve) des MozartLabors 2025 aufgenommen.


KONZERTE MIT TIANWA YANG AUSWAHL

SA 06.06. / SO 07.06.

17 Uhr | Mozartareal

Beethoven: Die Violinsonaten

Tianwa Yang Violine Nicholas Rimmer Klavier Prof. Dr. Ulrich Konrad Einführung und Gespräch

mozartfest.de/kalender-tickets

MI 10.06. / MI 17.06. / MI 24.06.

13 Uhr | Dom St. Kilian Sepultur

Musik zur Mittagszeit

Tianwa Yang Violine Alexander Eck Spiritueller Impuls

mozartfest.de/kalender-tickets

SA 13.06. bis DI 16.06.

Exerzitienhaus Himmelspforten

MozartLabor

mozartfest.de/kalender-tickets

FR 26.06.

20 Uhr | Residenz Kaisersaal

Yang, Widmann and friends

mozartfest.de/kalender-tickets
Alle Konzerte mit Tianwa Yang
Mehr über Tianwa Yang in einem Porträt von Harald Eggebrecht
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