DEBÜT

»Bis wir wieder einen Schatz gehoben haben«

Von Wolfgang Stähr

DEBÜT

»Bis wir wieder einen Schatz gehoben haben«

Von Wolfgang Stähr

Gambist und Dirigent, Forscher und Pädagoge, Pionier, Entdecker, Musikerzähler und inspirierendes Idol: Ein Weltstar und Universalgenie gibt in dieser Saison sein Mozartfest-Debüt. Herzlich willkommen in Würzburg, Jordi Savall!

»Das Wichtigste am Altwerden ist, mit dem Tätigsein nicht aufzuhören«, rät Jordi Savall. Weshalb er sich auf späte Debüts versteht und in dieser Saison nicht nur seinen Einstand als Dirigent der Berliner Philharmoniker feierte, sondern mit 84 Jahren auch zum ersten Mal beim Mozartfest Würzburg auftritt. Ein langersehntes Gastspiel, doch könnte der Zeitpunkt kaum glücklicher gewählt sein, da Savall einen Monat zuvor den Ernst von Siemens Musikpreis empfängt, den ›Nobelpreis der Musik‹, den vor ihm Benjamin Britten, Olivier Messiaen, Yehudi Menuhin, Leonard Bernstein und Anne-Sophie Mutter erhalten haben, um nur einige wenige zu nennen. Große Namen, unter denen Jordi Savall gleichwohl als ein charismatischer Außenseiter und unbeirrbarer Idealist herausragt: als ein Forscher, Entdecker, Gründer, Lehrer, Förderer, Brückenbauer und Friedensstifter. Dabei wuchs er in einem unfreien Land in unfriedlichen Zeiten auf: im Spanien der Franco-Diktatur, als Sohn einer oppositionellen republikanischen Familie. Geboren wurde er 1941 im katalanischen Igualada, unweit von Barcelona. Nachdem er dem bewunderten Vorbild seines Landsmanns Pablo Casals gefolgt war und Violoncello studiert hatte, entdeckte er die zur musealen Rarität abgesunkene Viola da gamba für sich, die siebensaitige ›Bein-Viole‹ oder ›Kniegeige‹: »Dieses Instrument erfordert viel Gefühl, und nur wenige können es so spielen, wie es seiner Natur nach behandelt werden muß«, heißt es in einer historischen Enzyklopädie. Aber seit Jahrhunderten hatte es niemand mehr so gespielt wie Jordi Savall. »Jeder Fortschritt tötet etwas«, gibt Savall zu bedenken. »Mit der Weiterentwicklung der Instrumente gingen charakteristische Klangfarben verloren, bestimmte Artikulationen waren auf den neuen Instrumenten nicht mehr möglich. Die modernen Metallsaiten bei den Streichinstrumenten sind zu hart und zu glatt, als dass sich eine differenzierte Artikulation verwirklichen ließe.« Jordi Savall konnte auf der Viola da gamba eine fast vergessene Musik zum Leben erwecken, die Pièces de viole der Franzosen Marin Marais oder François Couperin, die Suiten und Fantasien für Gambenconsort der Engländer Matthew Locke oder Henry Purcell. »Damit es nicht nur einen kleinen Kanon gibt, der fortlebt und mir so vorkommt wie eine Flasche, der immer dieselben Geister entsteigen, forschen wir, und das unnachgiebig und so lange, bis wir wieder einen Schatz gehoben haben.« Wir – das sind gleichgesinnte und befreundete und auch immer wieder neue und junge Musiker:innen, mit denen Savall seine Projekte realisiert, seine Träume lebt, über alle Grenzen hinweg. Deshalb trägt sein ältestes Ensemble auch den Namen Hespèrion, wie in der griechischen Antike die Einwohner:innen weit entfernter Länder – quasi am Ende der Welt – genannt wurden.

»Jordi Savall musiziert diese Klassiker so unerhört neu, frei und radikal wie nie zuvor: »Man muss der Musik die Chance geben, uns zeigen zu können, wie sie gespielt sein möchte.«

Aber für Jordi Savall kennt die Welt kein Ende. »Spanien war sieben Jahrhunderte lang ein Land der drei Kulturen: der maurischen, der jüdischen und der christlichen. Im Jahr 1492 wurden die nicht konvertierten Juden aus dem Land vertrieben – seitdem ist der Dialog zwischen Orient und Okzident kompliziert, wir haben die wichtigsten Brücken zum Osten zerstört«, beklagt Savall. Und ist überzeugt, dass gemeinsames Musizieren und Musikhören diese Brücken erneuern könnten. In Programmen, wie sie unsere Konzertsäle und Aufnahmestudios bis dahin nicht gekannt hatten, brachte Savall kurdische, sephardische, irakische, libanesische, tunesische Musik zusammen, erkundete das ›España antigua‹, Jerusalem, Istanbul, Granada, den Balkan, die Missionsreisen des Francisco de Xavier nach Japan oder die Routen des Sklavenhandels, die dunkle Seite der westlichen Zivilisation. In seinen Konzerten erklingen die arabische Laute Oud, die persische Flöte Nay und die armenische Oboe Duduk, begegnen sich Musiker:innen, die aus Syrien, Bengalen, dem Sudan oder Afghanistan geflohen sind. Und die nun gemeinsam mit Jordi Savall ein neues Ensemble bilden, Orpheus 21, ihre Musik in europäischen Ländern vorstellen, Kinder auf ihren Instrumenten unterrichten und ›Konzerte gegen das Vergessen‹ geben. Mit seinem eigenen Orchester, Le Concert des Nations, hat Jordi Savall aber längst auch die ›bekannten‹ Werke erobert: Bachs Weihnachtsoratorium, Haydns Schöpfung, Sinfonien von Beethoven, Schubert und sogar Bruckner. Oder die Vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi, die er für sein Debüt beim Mozartfest am 20. Juni 2026 in der Würzburger Residenz ausgewählt hat. Doch musiziert er diese Klassiker so unerhört neu, frei und radikal wie nie zuvor: »Man muss der Musik die Chance geben, uns zeigen zu können, wie sie gespielt sein möchte.« Wenn Vivaldis Quattro Stagioni in Würzburg ausschließlich von Musikerinnen aufgeführt werden, Les Musiciennes du Concert des Nations, besteht ein doppelter Grund für diese Exklusivität, ein historischer und ein aktueller. Vivaldi selbst schrieb seine Concerti für ein reines Frauenorchester, die Schülerinnen am venezianischen Ospedale della Pietà. Doch Jordi Savall blickt nicht nur zurück, er blickt sich auch um und will mit der Akademie der Musiciennes einen, wie er sagt, »rein weiblichen Raum der Begegnung« schaffen. Und gegen eine Zeit angehen, in der viele Männer ihre Vormacht brachial befestigen und in Regierungen und Parlamenten, in der Wirtschaft und Kultur wieder allein das Sagen haben wollen. »Was diese Leute interessiert, ist die Kontrolle über die anderen«, weiß Jordi Savall. Aber die anderen müssen sich keineswegs ergeben: Dafür bietet er selbst das beste Beispiel – schon sein Leben lang.

Wolfgang Stähr verfasste Buchbeiträge zur Bach- und Beethoven-Rezeption, über Haydn, Schubert, Bruckner und Mahler und publiziert Essays und Werkkommentare für die Festspiele in Salzburg, Luzern und Dresden, Orchester wie die Berliner und die Münchner Philharmoniker, für Rundfunkanstalten, Schallplattengesellschaften, Konzert- und Opernhäuser.


KONZERTTIPP

SA 20.06.

20 Uhr | Residenz Kaisersaal

Les Musiciennes du Concert des Nations

Alfia Bakieva Violine Iris Freiberger Rezitation Jordi Savall Leitung Werke von Antonio Vivaldi

mozartfest.de/kalender-tickets
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