OPER KONZERTANT

»Eine große Hoffnung für die Menschheit«

Von Christophe Rousset

OPER KONZERTANT

»Eine große Hoffnung für die Menschheit«

Von Christophe Rousset

Aller guten Dinge sind drei: Zweimal hat Christophe Rousset in den ­ver­gangenen Jahren mit Opern­aufführungen in der Residenz begeistert. Mit La clemenza di Tito steht nun seine dritte, exklusiv für das ­Mozartfest einstudierte Opernproduktion an. Mit eigenen Worten erläutert der ­re­nommierte Originalklang­spezialist, warum es in seinen Augen und Ohren die schönste und stärkste aller Mozart-Opern ist.

»Ich freue mich sehr darauf, La clemenza di Tito beim ­Mozartfest zu präsentieren. Das Sujet dieser Oper wurde im 18. Jahrhundert vielfach behandelt und folgt dem aufklärerischen Prinzip, dass sich ein Monarch nicht wie ein Autokrat verhalten darf, sondern seine Leidenschaften zu beherrschen weiß. Nicht zuletzt aufgrund meiner langjährigen Beschäftigung mit Mozart und insbesondere mit seinen Werken im Stil der Opera seria ist La clemenza di Tito für mich die schönste aller Mozart-Opern. Eine Einschätzung, die die Bewunderer der drei sogenannten Da-Ponte-Opern vermutlich irritieren wird. Aber wir kennen Mozarts äußerst komplexe und ­zweifellos traumatische Beziehung zu Leopold, und im Tito sehe ich einen letzten Appell an die Liebe des Vaters. Die Beziehung zwischen dem Freundespaar Sesto und Kaiser Titus wirkt auf mich zutiefst erschütternd: Sie ist geprägt von Sestos innerer Zerrissenheit gegenüber dem Monarchen wie auch von den Worten des Kaisers, der ausgerechnet denjenigen nicht verstehen kann, den er mehr als alle anderen schätzt. Im Gegensatz zu den meisten Opern der Musikgeschichte steht hier nicht die Liebe (eros) im Mittelpunkt, sondern die Freundschaft (agapē). Sestos Liebe zu Vitellia fungiert lediglich als dramatischer Motor, der eine Manipulation auslöst und die Katastrophe vorantreibt. Annio hingegen tritt mit ­seiner Liebe zu Servilia in den Hintergrund; seine Freundschaft zu Sesto ist weitaus zentraler, berührender und emotional intensiver – und führt zu einem Duett von herz­zerreißender Schönheit. Diese Oper ist das Ergebnis der langen Reform der Opera ­seria, die von Zeno bis Traetta und Gluck führte. Sie ist zweifellos dasjenige unter Mozarts Werken, das mit seiner apollinischen Schönheit Gluck am meisten verpflichtet ist: Melodien von großer Schlichtheit, den bedeutendsten Vorbildern Glucks nachempfunden, verbinden sich mit einer stets differenzierten Harmonik und einer Instrumentation auf dem Höhepunkt von Mozarts kompositorischer Kunst. Auch wenn einige Arien der Virtuosität des Stils der Opera seria folgen, sind sie meist knapp gehalten. Und es gibt zahlreiche Ensembleszenen. Die Finali sind komplex aufgebaut und verbinden Soli, Chöre und Ensembles zu einer architektonischen Geschlossenheit und Kraft, wie sie Mozart sonst kaum erreicht hat. Eine Verschwörung, ein Attentatsversuch, eine intrigante und manipulative Thronanwärterin, eine Düsternis, die dem Bild des Römischen Reiches bei Sueton würdig ist – all dies steht in scharfem Kontrast zu der Zärtlichkeit, zu der jene zerbrechlichen Wesen fähig sind, die sich durch Herzensgüte (und adelige Abstammung!) auszeichnen: der Kaiser, Sesto, Annio, Servilia. Darin artikuliert sich eine große Hoffnung für die Menschheit. Mozart besitzt das empfindsame Genie, dies mit aller Intensität zum Ausdruck zu bringen – mit musikalischen Mitteln, die er zuvor in dieser Konsequenz noch nicht erprobt hatte. Dass La clemenza di Tito nach Mozarts Tod – neben der Zauberflöte als einer weiteren zutiefst philosophischen Bühnenarbeit – zu seinen meistgespielten Opern zählte, ist gewiss kein Zufall. Und dass Goethe ausgerechnet den Titus wählte, um sein Theater in Bad Lauchstädt zu eröffnen, sicherlich auch nicht ...«


KONZERTTIPP

MO 08.06.

18 Uhr | Mozartareal

Allzeit ... una vera opera

»Quartett der Kritiker« Drei Musikjournalist:innen und ein Musikwissenschaftler hören und besprechen gemeinsam Referenzaufnahmen von La clemenza di Tito.

mozartfest.de/kalender-tickets

FR 12.06. / SA 13.06.

19.30 Uhr | Residenz Kaisersaal (18.30 Uhr Mozartareal: Einführung mit Prof. Dr. Ulrich Konrad)

La clemenza di Tito

Jeremy Ovenden Tito · Aphrodite Patoulidou Vitellia · Anna El-Khashem Servilia · Maite Beaumont Sesto Ambroisine Bré Annio · Adrien Fournaison Publio · Les Talens Lyriques · Christophe Rousset Leitung Wolfgang Amadé Mozart | La clemenza di Tito

mozartfest.de/kalender-tickets
Zur vorherigen Seite
Datenschutzerklärung
Cookie-Einstellungen ändern
Zur nächsten Seite