ESSAY
Apollo ha vinto!
Von Damian Dombrowski
Der siegreiche Apoll: Indem sich das Licht im Schutzgott der Künste materialisiert, triumphiert die Schönheit – bis hinab zu den Kontinenten, die Tiepolos Treppenhausfresko von allen Seiten säumen.
Wider den Untergang: Bau, Ausstattung und Geschichte der Residenz Würzburg verkörpern das Bedürfnis nach Schönheit – als Minimum des Menschlichen.
Im Januar 2026 wurde die beunruhigende Mitteilung verbreitet, dass die ›Doomsday Clock‹ auf 85 Sekunden bis Mitternacht vorgerückt sei. Sie misst die Wahrscheinlichkeit einer menschengemachten Totalkatastrophe und wird seit 1947 einmal im Jahr vor- oder zurückgestellt. Der aktuelle Befund aus Kriegsszenarien, Klimawandel und disruptiven Technologien lautet: Noch nie stand die Menschheit ihrer eigenen Auslöschung so nahe wie heute. Praktisch zeitgleich mit dieser alarmierenden Meldung hat es in Würzburg so viel geschneit wie seit Langem nicht mehr. An den Fassaden der ehemaligen Fürstbischöflichen Residenz kam es dabei zu einem seltenen Phänomen: Die horizontalen Gliederungen zeichneten sich als weißes Lineament ab. Dadurch gewannen die Maßverhältnisse eine Anschaulichkeit, die auf ganz eigene Weise die Schönheit des Baus hervortreten ließ. Im Zusammenspiel mit den Rhythmen des Fenstergerüsts stellten sich die perfekten Proportionen des Aufrisses gleichsam selbst aus. Vorübergehend kamen die sonst – unter den eher zaghaften bauplastischen Elementen – verborgenen Gründe dafür zum Vorschein, warum die Residenz von den meisten Menschen als etwas außerordentlich Harmonisches empfunden wird. Die kristallenen Markierungen offenbarten, dass Schönheit und Ordnung aufeinander angewiesen sind. In Zusammenschau mit der Weltuntergangsuhr kam bei diesem Anblick noch etwas anderes zu Bewusstsein. Wenn die globale Ordnung bedroht ist, ja das Überleben aller Menschen in Frage steht, dann stellt die Schönheit das Maß im Innern der einzelnen Personen her – im Auge derer, die ein Kunstwerk betrachten, im Ohr derer, die einer Komposition lauschen. Es wäre verfehlt, diesen Zusammenhang als Eskapismus abzutun. Vielmehr beweist sich darin das anthropologisch wirksame Vermögen künstlerisch gestalteter Schönheit.

Schönheit erweist sich als das Minimum, ohne welches Menschsein nurmehr aus Funktionen bestünde. Sie schützt und stärkt das Humanum an sich.
Die Kuratoren der Ausstellung »Beauty«, die 2018/19 in Wien und Frankfurt zu sehen war, erkannten in der Schönheit »das Quantum Menschlichkeit, das unser Leben besser macht«. Pandemie, Angriffskrieg und das Ende des internationalen Völkerrechts standen da erst noch bevor. Heute müsste die › Formulierung wohl eher lauten, dass dieses Quantum unser Überleben sichere. Schönheit erweist sich als das Minimum, ohne welches Menschsein nurmehr aus Funktionen bestünde. Sie schützt und stärkt das Humanum an sich. »Apollo ha vinto!« sind die Anfangsworte von Georg Friedrich Händels Kantate Apollo e Dafne. Apoll hat gesiegt, die Welt ist von Terror und Töten befreit, Frieden und Freiheit sind an ihre Stelle getreten: ein Triumph der Kultur. Über der großen Treppe der Würzburger Residenz lässt Giambattista Tiepolo den Beschützer der Künste sein Licht über alle Länder und Völker verbreiten: ein Licht, in dem Zivilisation und Schönheit verschmelzen und so ihre Zusammengehörigkeit darlegen. Das Fresko feiert die Epiphanie Apolls nicht als Sieg des Lichtes über die Dunkelheit, sondern als Licht inmitten des Lichts, als Utopie einer ästhetisch durchlichteten Welt. Als das Treppenhaus 1752/53 ausgemalt wurde, hieß ›schön‹ noch immer: schöner, als die Wirklichkeit erlaubt. Schönheit wurde als eine Daseinserfahrung verstanden, die auf sinnstiftende Weise über das Irdische, Banale, Alltägliche hinausführt. Diese Grundannahme wurde der Kunst mit dem Wahrheitspathos der Moderne gründlich ausgetrieben. Das Schöne hat, wie der Schriftsteller Bernd Eilert kürzlich geschrieben hat, »den steilsten Abstieg in der Werteskala erfahren«, wofür selbst der aktuelle Wortgebrauch bürgt: Ob ›geschönt‹ oder ›beschönigen‹, ob ›schön und gut‹ oder ›schön blöd‹, sofort ist die pejorative Beilegung zur Stelle. Diese Abwertung trifft erst recht das, was frühere Zeiten das ›Kunstschöne‹ nannten. Gerade die Gegenwartskunst hat sich durch Überpolitisierung und Gesellschaftsklage vom Begriff des Schönen weitgehend entkoppelt. Moral und Schönheit vertragen sich offenbar nicht gut. Bemerkenswerterweise hat Mozart, durch und durch ein Mensch des 18. Jahrhunderts, die modernistischen Vorbehalte gegen das Schöne relativ unbeschadet überstanden. Als es zwischen den Weltkriegen allerorten zum ›retour à l’ordre‹ kam, zur Rückbesinnung auf die Validität ›klassischer‹ Normen, wurde der Komponist als Meister einer messbaren Schönheit gefeiert und verklärt. Doch auch das war nur die halbe Wahrheit, denn Schönheit ist nur begrenzt berechenbar und Perfektion dafür nur bedingt das Mittel der Wahl – weil damit nur von der Produktionsseite her gedacht wird, während die Wahrnehmung außen vor bleibt.
Gipfeltreffen der Schönheit nach düsterer Zeit: Im weitgehend unversehrten Kaisersaal dirigiert Eugen Jochum das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zur ersten Nachkriegssaison des Mozartfests.
»Man sagt nur sehr wenig, wenn man eine Sache groß, schön, prächtig nennt«, bemerkt Carl Gottfried Scharold in seinem Würzburg-Führer von 1805, als er auf die Residenz zu sprechen kommt, denn »alle diese Ausdrücke erwecken nie einen ganz bestimmten Gedanken, weil ein jeder seine eigenen verhältnismäßigen Begriffe damit verbindet«. Im italienischen Sprachgebrauch des 18. Jahrhunderts trafen sich Unbestimmtheit und Schönheit in der Vokabel ›vaghezza‹, die beides bedeutete und damit einen neuen Subjektivismus markierte. Der Kunstschriftsteller Anton Maria Zanetti schrieb 1771 über den eben verstorbenen Tiepolo, dieser habe eine »vaghezza« ohnegleichen in die Kunst eingeführt. Aber auch die freie Lebendigkeit Apolls an der Decke des Würzburger Treppenhauses kommt nicht ohne die gesetzmäßige Geometrie der Kreise und Strahlen hinter sich aus. Mit verehrendem Gestus hält der Gott der Künste eine Statuette Minervas in die Höhe, womöglich als Bekenntnis der Kreativität zur Vernunft.
Wie es scheint, müssen ein Rezeptionsangebot, das sich nicht normativ festlegen lässt, und die Erzeugung überpersönlicher Idealität, sinnliche Sensation und rationaler Appell in ein harmonisches Verhältnis zueinander treten, um Spielräume der Schönheit zu eröffnen. In der Residenz ist dies auf vollkommene Weise gelungen. Die Gliederung der Baumassen und die großzügige Proportionierung der Innenräume basieren auf universal gültigen Zahlenreihen, während im Angesicht von Tiepolos Fresko der subjektive Erlebniswert in den Vordergrund rückt. Als das Treppenhaus in den 1760er-Jahren fertiggestellt war, trat bei zeremoniellen Anlässen auch die Musik hinzu, wenn Gäste in Begleitung von Kammermusik und Gesang in die Prunkräume der Residenz hinaufstiegen. An diese »innige Vermählung zwischen Ton, Architektur und Farbe« knüpfte Hermann Zilcher an, als er 1921 das Mozartfest begründete. › Sie ist, wenn man so will, ein von vorneherein einkalkuliertes Gipfeltreffen der Schönheit. 1944 fand das Festival zum letzten Mal statt, im März darauf wurden große Teile der Residenz durch Bomben zerstört. Das Corps de logis, seit jeher die Hauptspielstätte, blieb jedoch wie durch ein Wunder nahezu unversehrt. Als 1951 unter Tiepolos Fresken das erste Mozartfest nach dem Krieg stattfand, während Süd- und Nordflügel noch in Trümmern lagen, war dies auch ein Sieg der Schönheit über die Barbarei. Apoll hatte gewonnen, wieder einmal. Solange die Weltuntergangsuhr noch keine zwölf geschlagen hat, wird sein Sieg sich bei jedem Kaisersaalkonzert erneuern.