
ARTISTE D'AVENIR
»Man muss einfach neugierig sein«
Wenn es darum geht, den Klassikbetrieb zukunftsfähig zu machen, heißt Leonie Kleins Devise: »Raus aus der Komfortzone!« 2026 ist die Schlagzeugerin, Journalistin und Konzertgestalterin Artiste d’avenir des Mozartfests und wird zur Netzwerkerin im Spannungsfeld von Tradition und Innovation. Von Ilona Schneider
Pathos? Fehlanzeige! Eitle Pose? Keine Spur! Wenn Leonie Klein ans Schlagwerk tritt, bringt sie nicht Effekt und Übertreibung mit, sondern pure Aufmerksamkeit und ansteckende Neugier. Sie ist keine Schlagzeugerin von der Sorte, die ihre Kunst als Form von Leistungssport zur Schau stellt. Sie nimmt sich zurück hinter dem, was kommt. Effekthascherei hat sie gar nicht nötig. Und es wäre auch nicht ihr Stil: Leonie Klein nähert sich der Musik und ihrem Instrumentarium nicht mit Eroberungswillen, sondern als Klangforscherin im besten Sinne des Wortes. Und im umfassenden Sinn. Denn längst ist nicht mehr nur das Schlagzeug ihre Profession. Auch wenn das einmal ganz am Anfang ihrer Beschäftigung mit Musik stand und weiterhin ein wichtiges Gravitationszentrum aller Disziplinen ist, die sie in ihrem Leben miteinander vereint und allesamt meisterhaft beherrscht. Begonnen hat alles im rheinland-pfälzischen Wittlich, wo Leonie Klein 1993 geboren wird und mit sechs Jahren zum ersten Mal Sticks in den Händen hält. Schnell zeigt sie ein so beeindruckendes Talent, dass sie schon vor dem Abitur als Jungstudentin an der Hochschule für Musik Karlsruhe angenommen wird. 2019 absolviert sie dort ihren Master mit Auszeichnung. Aber nicht nur das: Parallel studiert sie noch Musikjournalismus für Rundfunk und Multimedia sowie Angewandte Kulturwissenschaft. Letzteres am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), wo sie inzwischen auch als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig ist – zusätzlich zu einem bestens gefüllten Konzertkalender, zu Lehraufträgen und Promotion, ihrer Arbeit bei SWR und Deutschlandfunk, Forschungs- und Vermittlungsprojekten, der Kreation neuer Konzertformate und, und, und ... Ob es dazu nicht mehr als 24 Stunden am Tag braucht? »Ich habe selten mal einen Tag frei«, gibt Leonie Klein zu. »Und wenn ich frei habe, dann verbringe ich den Tag im Proberaum. Das ist für mich Entspannungszeit.« Oder sie marschiert von ihrer Wahlheimat Karlsruhe aus los in die Natur. Den Notizblock im Rucksack, um neue Ideen festzuhalten. Beim Wandern gehen sie ihr zuhauf durch den Kopf. Schlagzeugerin, Journalistin, Kulturwissenschaftlerin, Konzertgestalterin. Leonie Klein gesteht: »Es ist eine Kunst, diese ganzen Bälle in der Luft zu halten.« Aber weder sucht sie in besonderem Maße das Risiko, noch will sie sich beweisen. »Ich bin davon überzeugt, wenn man das so in sich trägt und die Musik als Kraftquelle begreift, dann funktioniert das sehr, sehr gut«, sagt sie und erläutert, dass für sie alles, was sie tut, zur Einheit verschmilzt – getragen von der großen Leidenschaft für Musik. Irgendwann sei ihr einfach die Frage gekommen, ob und wie sie mit ihrer Qualifikation und ihrem Wissen als Musikerin auch auf anderem Terrain wirken könne. »Sich in andere Bereiche zu öffnen und alles mitzudenken, finde ich sehr spannend. So öffnet man sich Türen, probiert sich aus. Findet eine eigene Handschrift auch sozusagen auf der anderen Seite. Überlegt, was man als Musiker der Gesellschaft beisteuern, was man Menschen mit auf den Weg geben kann. Ich glaube, dass mich das alles auch für die Bühne sehr prägt. Man muss einfach neugierig sein. Man muss sich Dinge trauen.« Mut gehört auch immer noch dazu, sich in der zeitgenössischen Musik seine Nische zu suchen. So hat es Leonie Klein gemacht und sieht sich durch die regelmäßig äußerst positiven Reaktionen darin mehr als bestätigt: »Ich habe noch nie erlebt, dass ein Publikum irgendwie enttäuscht war. Man muss die Leute nur ermutigen, zu kommen.« Durch Workshops oder Mitmach-Elemente auch während einer Performance animiert sie Menschen, selbst zu Klangforschern zu werden. So wie sie eine ist und nicht müde wird, immer wieder zu neuen Expeditionen aufzubrechen. Höher, schneller, weiter steht dabei aber keinesfalls auf dem Programm. »Die Frage ist vielmehr, wie kann ich mich mit dem, was ich jetzt habe, neu erfinden? Wie kann ich Klänge, mit denen ich mich wohl fühle, in einen ganz neuen Kontext setzen?« Eines steht fest: Leonie Klein ist noch längst nicht am Ende ihrer Möglichkeiten. Und mit Neugier sowie Lust auf Zukunft und Weiterentwicklung wird sie sich noch viele neue Türen öffnen.

Stimme der Natur: Der MoorReaktor des MONAS Collective bringt während der Konferenz »Alles tanzt« Publikum und Pflanzenwelt in hörbare Interaktion.
Stimme der Natur: Der MoorReaktor des MONAS Collective bringt während der Konferenz »Alles tanzt« Publikum und Pflanzenwelt in hörbare Interaktion.
Gegenwart trifft Zukunft: Im Projekt »Alles tanzt« lotet das Mozartfest mit Konzert und Konferenz aus, wie Musik und Wissenschaft gemeinsam für Gegenwartsthemen sensibilisieren können. Leonie Klein hat das Projekt kuratiert und gibt einen Kurzüberblick.
Mozartfest Welche Überlegungen liegen »Alles tanzt« zugrunde?
Leonie Klein Im Grunde wollte ich die Frage, die mich sehr beschäftigt, in einen intensiven Tag bringen: Wie können wir gemeinsam Zukunft gestalten? Der Untertitel »Balanceakt in die Zukunft« spielt genau darauf an. Wir stehen als Gesellschaft an einem Kipppunkt – aber wir sind noch nicht gefallen. Es geht darum, bewusst zu machen, dass jede und jeder etwas beitragen kann: Künstlerinnen und Künstler, die Themen aufgreifen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die forschen und Zusammenhänge erklären, und ebenso die Gesellschaft selbst, die Verantwortung übernimmt.
Was erwartet das Publikum?
Zentraler Bestandteil der Konferenz am Nachmittag ist eine Installation des Monas Collective – einer Kooperative um den Musiker und Klangkünstler Kurt Holzkämper und den Geologen Prof. Dr. Hubert Wiggering –, die die Themen Klima und Umwelt sinnlich erfahrbar macht. Die Überlegung dahinter: Wissenschaft nicht als etwas Abstraktes oder Verstaubtes zu präsentieren, sondern als etwas, das uns alle betrifft – und das in Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern neue Ausdrucksformen findet. Diese Offenheit im Dialog zwischen Disziplinen zieht sich durch den ganzen Tag – in Installationen, Gesprächen und Podiumsdiskussionen.
Und am Abend greift das Ensemble Stegreif das Thema künstlerisch auf ...
Unter dem Motto »Escape Valse« und basierend auf Maurice Ravels La Valse stellt sich dann die Frage: Halten wir das Gleichgewicht oder verlieren wir es? Dieses Bild steht sinnbildlich für unsere Gesellschaft. Ich möchte deshalb zum Nachdenken anregen: Was kann ich selbst tun, um dieses Gleichgewicht zu bewahren?
Ist diese Verbindung von Wissenschaft, Vermittlung und Musik Neuland?
In dieser Konsequenz auf jeden Fall – besonders für ein traditionsreiches Festival wie das Mozartfest Würzburg. Oft arbeiten Wissenschaft und Kunst noch nebeneinanderher. Wirkliche Überschneidungen sind selten, und Veranstaltungen, die beides gleichberechtigt zusammenführen, gibt es kaum. Insofern ist »Alles tanzt« auch ein Experiment – und vielleicht sogar ein Modell mit Vorbildcharakter. Es zeigt, wie fruchtbar es sein kann, gewohnte Grenzen zu überschreiten. Wenn wir es schaffen, Wissenschaft erlebbar zu machen und Kunst als gesellschaftlichen Resonanzraum zu nutzen, dann entsteht etwas, das über ein einzelnes Festival hinausweist. Genau darin liegt für mich die besondere Kraft dieses Projekts.
